Leben, wo der Tod regiert (II)

1. September 2009

… Fortsetzung …

 

Montag, 3.8.09

- Wir bringen Fahcina zum Flughafen, sie muss zurück an die Uni. Ich bleibe noch eine extra Woche, will mich tiefer in die geheimnisvolle Welt graben.

- Martha und ich machen Besorgungen in Nelspruit.

- Ich arbeite nachmittags an meiner BA-Arbeit, das Zimmer ist nun leer und ruhig, Fahcina ist weg!

- Betty kocht mir Pap und Bangala, ein eigenartiges Kraut, das man im Sommer sammelt und trocknet, im kochenden Wasser wird es wieder frisch und hat etwas von Spinat.

Dienstag, 4.8.09

- Morgengebet und Gesang, der Alltag kehrt zurück.

- Ich arbeite den ganzen Tag in der Küche, schnacke mit den Mädels.

Zubereitung von jeder Menge Pap … draußen!

- Die Kinder bekommen Kleider gespendet:

Kleiderspende

Busisiwe (4) zeigt mir ihr neues Kleid.

Was für ein Lächeln!

Amukelani (6)

- Ca. 50 Frauen anderer (neuerer) “Home Based Care Centers” kommen zu Besuch, wollen wissen, wie sie es anstellen sollen, so viele kleine Mäuler zu stopfen, tauschen Erfahrungen aus.

Aufklärungstag

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- Ich wasche nach dem Mittag riesige Töpfe ab. Mein 2. Kompliment: „Ich habe noch nie eine weiße Frau gesehen, die arbeitet wie du!“ Was soll ich sagen? Paps würde wohl das Gegenteil behaupten ;)

- Es ist Kirchentag! Wir treffen die Leute der Umgebung, sammeln sie mit Papa Mawelas Kleinbus auf dem Weg zur Kirche auf. Ein 2jähriger Junge sieht mich, ergreift meine Hand, nimmt mich mit in die Kirche und sitzt ohne einen Laut von sich zu geben die gesamte Bibelstunde auf meinem Schoß, singt mit mir mein erstes Lied in Tsonga. Singend verlassen wir die Kirche, jeder schüttelt jedem die Hand:

singender Abschied und Dank (hier in Pretoria)

- Schnelle Fahrt mit Martha ins Krankenhaus. Wir besuchen Elisabeth, die wohl älteste Frau in der Umgebung. Man kümmert sich um sie in Khomelela, auch ein “Home Based Care Center”, aber für ältere Leute. Elisabeth hat eine Liegewunde. Die Verhältnisse im Krankenhaus sind furchterregend: Katzen schleichen um die Türen, warten auf Essensreste, es stinkt nach Fäkalien, vollbelegte Zimmer, kaputte Betten, der Wasserhahn tropft, eine alte Brummstimme ruft nach der Schwester, die nicht kommt. Elisabeth ist eigentlich nur ein kleiner Körper unter der Decke, viel älter wird sie wohl nicht, sie kann nicht alleine essen, gefüttert wird hier nicht! … (sie starb eine Woche nach unserem Besuch) …

Krankenhaus in Bushbuckridge

- Zuhause feiern wir Akanis 9. Geburtstag. Ihr Geschenk: der traditionelle Geburtstagskuchen mit viel Sahne. Ich bringe von unterwegs Eis mit: WOW! Das kriegen sie nicht oft!

“Geburtstagsparty”

- Ich lese mich in den Schlaf mit Nadine Gordimers „Burgers Tochter“, das von einer jungen Afrikaanderin handelt, deren Eltern als kommunistische Helden der Anti-Apartheid-Bewegung verhaftet werden und der Weg die junge Frau nach Europa führt.

Mittwoch, 5.8.09

- Morgengebet und Gesang, so langsam gewöhne ich mich daran.

- Wir kochen Fisch für die Kinder, …

Edah (SA) bereitet den Fisch zu.

… entspannen in der Sonne, tauschen Kulturen aus: „Habt ihr auch Spinat in Europa?“

- Ich habe nach über einer Woche die Möglichkeit, meine E-Mails zu lesen. 46 neue! Was für ein Entzug!

- Martha adressiert die großen Kinder, erzählt ihnen, dass gestern einer der älteren Jungen verhaftet worden ist, weil er Bier gestohlen hat. Ihre Botschaft: „Kinder, haltet euch von Drogen fern, Alkohol und vor allem … Sex! Mädels, seid selbstbewusst und lasst euch nicht unterkriegen, sonst holt euch der Tod!“.

Zugehört, Kinder!

- Ich frische mein Tagebuch auf, während Betty abends heimlich für mich kocht. Seid Fahcina weg ist, holt sie mich abends immer zum Essen dazu. Sie wächst mir ans Herz. So eine alleinerziehende, dreifache Mutter, die den ganzen Tag nur als Hausfrau tätig ist! Wie hält sie das nur aus? Ich frage nach ihrem Mann, den gibts noch, aber er lebt mit seiner 2. Frau (!) im nächsten Dorf, hat 3 weitere Kinder, kommt ab und an zu Besuch, nur zu Akanis Geburtstag, da war er nicht da !! Betty glaubt, sie kommen immer zu ihrer ersten Frau zurück … die Arme !!

- Mir ist überhaupt aufgefallen, dass Frauen in diesem Land den absolut Kürzeren ziehen: sie ackern für ihre Männer, Gentlemans gibts hier nicht, auch keine Lieblichkeit, dafür viele Befehle!

Donnerstag, 6.8.09

- Martha erzählt mir, dass sie übers Wochenende nicht da sind. Delford (ein Mitarbeiter von Nhlengelo) wird mich aber am Samstag oder Sonntag mit in den Krüger National Park nehmen. WOW! Ich juble vor Freude! Ich hoffe es klappt, will Akani mitnehmen. Ob ich es wirklich erleben werde, sie zu sehen? „The Big 5“ (das ist hier der gängige Name der stärksten 5 Wildtiere: Elefant, Löwe, Leopard, Nashorn, Büffel)! Abwarten!

- Morgengebet und Gesang.

- Heute ist nicht viel zu tun, eigentlich wie jeden Tag. Wir kochen, tratschen, sitzen in der Sonne.

- Lisbeth (ca. 60 und Chefköchin im Hause) zeigt mir ihr Zuhause, sie ist Nhlengelos Nachbarin:

Lisbeth (SA)

Sie wohnt wie fast alle hier: kalter Steinboden, heruntergekommene Küche …

Küche

… Unordnung, weil keine Regale usw. So ist das hier eben, ganz normal! Dafür hat sie einen tollen wilden Garten mit ganz vielen Bananen-, Mango-, Popo-, Litschi-, Avocadobäumen, Weintrauben, Erdbeeren …

Litschi

Po Po (Paw Paw)

lecker Banane

die ersten kleinen Mangos

… und, ganz wichtig: Zucker!

Zuckerrohr

Die kleinen Bananen schmecken ganz anders als unsere und die aus dem Laden hier, viel süßer! Ich teile meine Mitbringsel mit den anderen:

Medrina (SA)

Zuckersaft zutschen

- Die Mädels versuchen sich nach dem Mittag an meinen europäischen Haaren: „Jetzt siehst du aus wie eine Afrikanerin!“:

Haare flechten - 1. Versuch

Mein Haargeflecht löst sich leider im Laufe des Abends wieder :(

- Betty und ich kochen Fisch (wie am Vortag in Nhlengelo). Eine Nachbarin bringt Tinwhembe-Kraut vorbei, schmeckt lecker!

Tinwhembe-Kraut und Fisch

- Mein Schwesterherz ruft mich mitten in der Nacht an und kriegt praktische Aufträge von mir. Wie schön, mit dir zu quatschen :)

Freitag, 7.8.09

- Nach mehrmaligem Klopfen an Marthas Tür (ich dachte eigentlich, ihr Mann würde nicht mit auf den Wochenendausflug fahren), bringt mich Betty zu Fuß zu Nhlengelo (ca. 25 Min.). Laufen tut hier eh jeder, nur allein will sie mich nicht gehen lassen. Später höre ich, dass eine amerikanische Volontärin mal auf dem Nachhauseweg vergewaltigt worden ist …

- Ich verpasse das Morgengebet. Komisch, den Tag ohne Singen zu beginnen …

- Freitags gibts nur Pap und Milch zum Mittag, also mal wieder nix zu tun, außer ein bisschen Garten wässern. Wir machen einen kleinen Spaziergang zu einer Frau, die für wenig Cent Achar (saures Mangogemansche) verkauft. Die Mädels versuchen sich noch ein Mal an meinen Haaren, diesmal ganz fest und dünner und ich muss ganz schön leiden:

Haare flechten - 2. Versuch

- Aber es sitzt am Abend immer noch :)

- Wir nutzen die viele Zeit für noch ein paar Gruppenbilder:

Anita und die Küchenmädels

eine Handvoll Kids

- Betty ist die Nacht über nicht da, es ist (wie jeden Monat) All-Night-Prayer-Meeting. Stellt euch das vor: 10h beten, singen, predigen, singen, beten usw., ohne Pause oder Essen! Die ganze Nacht lang! Ich kann‘s kaum glauben! Akani wird deswegen heute Nacht bei mir schlafen.

Samstag, 8.8.09

- Schade, wir haben kein Auto gefunden, um in den Nationalpark zu fahren :( Vielleicht morgen …

- Nikita und ich fahren stattdessen mit dem Taxi in den Ort rein nach Bushbuckridge (kurz: Bush). Ich will deutsche Kartoffelsuppe mit Würstchen für die Familie kochen.

- Zum Mittag zeige ich Betty, wie man Rührei macht :) Es schmeckt ihr.

- Am Nachmittag versuche ich mich mal wieder an meiner BA-Arbeit aber Nikita hört ganz laut amerikanischen Hiphop. Ich geselle mich zu ihm, frage, ob er überhaupt versteht, worüber sie singen und ob das nicht irgendwie alles gegen seine Kultur geht. Seit ich hier bin, habe ich NICHT EIN Schimpfwort gehört! Anstatt gibts viele „Tschuuhh“s, „Iiisch“s und quietschende Geräusche, die das Schimpfen ersetzen. Aber Nikita ist aufgefallen, dass ich gestern „Shit!“ gesagt habe. Ups! Es wird wohl Zeit, dass ich mal meine große Gusche wieder aufkriege!

- Die Kartoffelsuppe schmeckt :) Aber „Vienna“ hat hier nur wenig von Wienerwürstchen, ganz schlabbrig, super salzig, dafür viel mehr Geschmack … nach Tier halt!

- Der Abend endet auf dem Sofa, wo Akani und Tiani in unseren Schößen einschlafen.

Sonntag, 9.8.09

- Ich bin verflucht! Wieder kein Auto! Aber so schnell gebe ich nicht auf, ihr kennt mich! Charles ruft mich zufällig an, ihr erinnert euch, mein 1. Heiratsantrag. Er organisiert ein Auto und wir düsen los, zu zweit.

- Ich bleibe trotzdem verflucht! Der Park ist überfüllt, heute kommt keiner mehr rein. Was zum Teufel … ?! Irgendjemand will nicht, dass ich in den Krüger komme …

- Charles‘ Tante arbeitet in einem kleineren Park in Hoedspruit, etwas nördlicher, wir fahren also weiter!

Charles’ Tante und ihre Crew in der Küche.

Auch dort alle Game Drives ausgebucht. Uns fällt wieder ein: morgen ist Frauentag und somit Feiertag. Merk dir das, Deutschland, Frauentag = Feiertag !! Ok, aber die Tante zeigt uns trotzdem ein bisschen rum und in der Nähe, außerhalb der Lodge (wo man normalerweise mit dem Jeep und einem Guide durchfährt) erblicken wir eine Hyäne und Impalas, dann: ein Löwe, der sich in den Schatten verkrochen hat.

Löwenalarm

Kurz darauf entdecken wir, dass das Gatter offen ist … ähm, hallo? Sogar die Tante kriegt es mit der Angst zu tun! Nichts wie weg hier! Backstage wohnt die Tante in einer kleinen Hütte:

Charles’ Tante

Hinter der Hütte hausen wieder 2 Löwen, ein Pärchen …

Löwenpärchen

… und auf dem Weg zurück auf die Hauptstraße begegnen uns noch eben ein Bock …

(Stein?)Bock

… und 2 Giraffen…

Giraffe!

… und eine Pracht von einem Baum:

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Was ist das nur? Paps, Lola ??

Ich bin glücklich :)

- Wir schlendern durch den Schlangenpark, beobachten die reglosen Krokos:

Kroko

- Auf dem Nachhauseweg machen wir einen Abstecher und schlängeln uns am Drakenberge, dem größten Gebirge SA’s, entlang:

Drakensberge

- Dann fragt mich Charles: „Willste auch mal fahren?“ Na klar! Ich begebe mich hinter das rechtssitzende Steuer und knalle erst mal mit meiner rechten Hand gegen die Wagentür … „Anita, die Gangschaltung ist links!“ So langsam gewöhne ich mich an die verdrehte Welt. Es macht Spaß :)

Anita auf der falschen Seite!

Aber ich gebe bei einbrechender Dunkelheit das Steuer wieder an den Master, in SA muss man nicht nur auf Autos achten, sondern auch auf lebensmüde Menschen, die in der Dunkelheit in Allerseelenruhe stark befahrene Straßen überqueren, und Kühe, die nicht mal mit dem Schwanz wedeln, wenn ein Auto auf sie zurast (das erinnert mich an Indien).

- Noch schnell bei Charles’ Familie vorbei, der übrigens schon eine Frau und 2 Kinder hat:

Charles und Kinder

Was hat der sich eigentlich gedacht? Mich zur 2. Frau zu nehmen? Ich werd hier niemandes 2. Frau !! Damit das schon mal klar ist!

- Betty kocht wieder ein leckeres Abendessen … das letzte!

Montag, 10.8.09

- Zeit, den Busch zu verlassen. Mir steht eine lange Reise zurück nach Kapstadt bevor: 4 Tage Busfahren, 3 Übernachtungen in Backpackers, 2300 km, durch Swasiland, Zululand, Großstädte und die komplette Ostküste!

- Martha fällt ein Stein vom Herzen, dass ich heil zurück bin von der Tour mit Charles. Sie scheint ihm nicht zu trauen, erzählt mir die gleiche grausame Geschichte von der amerikanischen Volontärin, die hier vergewaltigt worden ist. Die Menschen hier trauen absolut keinem !! Wie kann man so leben? In ständigem Misstrauen? Vielleicht bin ich zu naiv, aber ich riskiere lieber in Gedanken friedlich zu leben als misstrauisch und in ständiger Angst!

- Delford bringt mich gegen Mittag nach Nelspruit zum Busabholplatz - dem Nelspruit Backpackers! Unterwegs verabschiede ich mich innerlich von den Dörfern …

…

…

- Das nächste Abenteuer wartet !!

Leben, wo der Tod regiert

16. August 2009

Jede(r) 4. in Südafrika ist HIV positiv. Jetzt stellt euch das in einer Gesellschaft vor, in der Familien selten unter 3 Kinder bekommen. Der Vater infiziert sich (nicht immer aber oft) durch eine Affäre, steckt damit seine Frau zu Hause an, findet raus, dass sie krank ist, verlässt sie, ohne sich selbst testen zu lassen (denn dafür ist er zu stolz), sucht sich irgendwo eine neue Frau, steckt sie auch an, die womöglich Kinder erwartet, die entweder durch die Geburt oder durchs Ammen angesteckt werden usw. Wie ein Lauffeuer wandert HIV von einem zum nächsten. Bei der Masse sind Waisenheime unerlässlich. Leider fehlt das Geld für „richtige“ Heime. So entstehen „Home Based Care Centers“, wie Nhlengelo, ein Ort, wo Kinder nach der Schule eine warme Mahlzeit bekommen, einen Zufluchtsort finden können, bevor sie sich zu Fuß auf den Nachhauseweg machen, wo eine übriggebliebene Oma oder eine Nachbarin auf sie wartet, oder einfach nur der große Bruder.

Ein Tagebuch aus dem Leben Nhlengelos, dem „Home Based Care Center“ in Bushbuckridge, Mpumalanga, Südafrika:

Dienstag, 28.7.09

- Fahcina (USA) und ich erreichen nach 22h Busfahrt Nelspruit, Hauptstadt der Provinz Mpumalanga. Eine alkoholisierte Tante hält uns im Bus bei Laune, ich quatsche mit reisenden Norwegern.

- In Nelspruit erwarten uns Straßenarbeiter im Streik: Müll wird auf den Straßen verstreut, 15% mehr Gehalt wird gefordert, 13% nach mehreren Tagen Diskussion gestattet:

Nelspruit im Streik

- Martha Mawela, gute 60 Jahre, Geschäftsführerin von Nhlengelo und Anhängerin der „Seventh Day Adventist Church“ (recht streng) holt uns ab und lädt uns unterwegs zum Essen ein. Vor dem Essen (und jedem darauffolgenden für die nächsten 2 Wochen) wird sich bei Gott für die Mahlzeit bedankt.

Martha Mawela

- Ankunft in Dwarsloop, einem Nachbardorf von Bushbuckridge, bei Nachbarin Betty und ihren 3 Kindern Nikita (17), Akani (8) und Tiani (5), unsere Host-Familie für die Zeit.

- Fahcina und ich verbringen den Abend mit dem Gedanken: Warum sind wir hier? Ergebnis: Laut Fahcina (hab ich schon erzählt, dass sie auch Gottes Schöpfung ist?) hat der Herr uns beide zusammengebracht, sie klärt mich auf über HIV/Aids, ich bringe ihr Geduld bei, Höflichkeit, wie man Menschen anlächelt, anstatt das übliche amerikanische „What-ever-Gesicht“ aufzusetzen und vor allem: wie man immer erst das Gute im Menschen sehen muss. Sie zweifelt, stellt aber im Laufe der Woche fest, dass ihre Sorgen dieser angeblich gefährlichen Gegend unnötig waren. Die Xenophobie ist gegen andere Afrikaner (Somalier, Nigerianer etc.) gerichtet, die hier herkommen und den anderen die Jobs „klauen“.

Intensive Gespräche!

- Fahcina liest aus der Bibel: Esther, die Geschichte einer jungen, starken, jüdischen Königin.

Mittwoch, 29.7.09

- “Home Based Care Center” für HIV/Aids-Waisen.

Nhlengelo

- Sie haben einen riesigen Garten, in dem sie ihr eigenes Gemüse anbauen:

Hier wächst hauptsächlich Kohl, Zwiebeln und Rote Bete.

Ein etwas anderes Gewächshaus.

- Morgengebet und Gesang für alle Mitarbeiter.

- Wir haben Glück: Heute kommen Traditional Healers zu Besuch und erzählen von ihren Gebräuchen und Werten und wie sie mit der Regierung um Anerkennung und Finanzierung kämpfen müssen – die christlichen Nhlengelo-Mitarbeiter glauben nur schwer an ihre Künste. Zwischendurch Tanz und Gesang:

Traditional Healers

- Täglich kommen ca. 50 (Halb-)Waisenkinder im Alter von 3 bis etwa 19 Jahre nach der Schule vorbei, holen sich ihr Essen, setzen sich in den Schatten, schnacken mit den anderen, helfen einander bei den Hausaufgaben.

Vor dem Essen wird gebetet!

Busisiwe (4)

- Manche ihrer Geschichten sind nur halb zu verkraften. Dennoch geht das Leben weiter! Sie sind erfreut, mich zu sehen, lachen, wollen anfassen, reden. Ihr Englisch ist noch im Anfangsstadium. Sie sprechen verschiedene der 11 offiziellen, südafrikanischen Sprachen, hier meistens Tsonga, Zulu und/oder Zutu. Ich stelle fest: Um Zugang zu den Kindern zu bekommen, muss ich mit der Sprache anfangen und entscheide mich für Tsonga, die hier meist gesprochene.

- 2. Kapitel von Esther

Donnerstag, 30.7.09

- Ich imponiere mit meinen ersten Worten in Shangaan/Tsonga: Avuxeni! Mi njhani? (Guten Morgen! Wie geht’s?)

- Morgengebet und Gesang.

- Trauerbesuch bei Hinterbliebenen einer kürzlich an Aids Verstorbenen. Es wird gebetet.

- Wir gehen auf Hausbesuch. Jeder Familie in der Umgebung mit mind. 1 HIV/Aids-Kranken wird eine„Care Giver“ zugeordnet, die dafür sorgt, dass die Kranke (es sind tatsächlich nur Frauen) sich richtig ernährt, ihre Medizin nimmt, sich nicht mit zu viel Alkohol abfüllt, in Notfällen gewaschen, das Haus geputzt wird usw. Nhlengelo hat ca. 40 Care Givers mit je 250 Familien, von denen einige Krank sind, andere es bald werden, wieder andere “nur” informiert werden, was passiert, wenn … Die große Frage: Wie überzeugt man sie am Weiterleben … und warum ??

Schneller Transport ins Nachbardorf - auf der Ladefläche!

an Aids erkrankte junge Frau

Ihr Haus hat ganze 5m²!

ihre Küche …

- Das Enkelkind dieser kranken Frau spielt mit ihrer Medizin !!

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- Ich bekomme meinen 1. Heiratsantrag von Charles Mnisi, dem 25jährigen Nachtwächter.

- Sonnenuntergang im Nhlengelo: Es entsteht eine absolut schöne Stimmung, in der junge Mädchen Martha (von allen Mama Mawela oder nur Oma genannt) die Haare binden. Dabei ergibt sich eine nette Unterhaltung zwischen Generationen, während andere den Garten wässern und im Hintergrund die Sonne untergeht:

Queen (14) beim Gartenwässern

angenehme Stimmung

- Die Mädchen stellen fest, dass sich meine Haare nur schwer flechten lassen: zu fein! Sie lieben es dennoch, mit ihren Fingern hindurchzufahren :)

- Esther!

Freitag, 31.7.09

- Schlechte Nachrichten: Marthas Nichte ist an Lungenkrebs gestorben. Sie wollen, dass wir mit nach Pretoria zur Beerdigung kommen. Widerwillig gebe ich mein Einverständnis, denke aber den restlichen Tag darüber nach, wie ich um die Beerdigung drum rumkomme … (Ich scheitere!)

- Ich imponiere mit vielen neuen Vokabeln: U etlele kahle? (Hast du gut geschlafen?) Vito ra wena imani? Vito ra mina i Anita! (Wie heißt du? Ich heiße Anita!) und Riperile! Fambakahle! Etlele kahle! (Guten Abend! Wiedersehen! Schlaf gut!)

- Morgengebet und Gesang.

- Wir besuchen Zaneele (31), die sich im letzten Aidsstadium befindet. Ihr Bauch ist geschwollen, als würde sie Zwillinge erwarten, der Rest von ihr nur Haut und Knochen. Medizin nimmt sie nicht. Sie baut auf die Traditional Healers, die ihr immer wieder Kaffee einflößen, und Gott! Unser Gefühl sagt uns: Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit!

Zaneele (31)

- Wir wässern stundenlang den großen Garten:

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- Mein 1. Kompliment: „Du arbeitest wie eine Schwarze!“

- Zum Mittag gibt es „Pap“ (Maisbrei, eine Art Reisersatz, den es fast jeden Tag gibt) und Hühnerkrallen und -köpfe (billiges “Fleisch”):

Hühnerkrallen … mmhhmmm …

- Stundenlange Fahrt nach Pretoria, die Regierungshauptstadt (Südafrika hat 3 Hauptstädte: in Kapstadt tagt das Parlament, Bloemfontein ist die Gesetzes-Hauptstadt), wo wir bei Marthas Schwester unterkommen. Morgen gehts zur Familie der Verstorbenen: Sie hieß Pauline, war ehrenamtlich für die Gesundheit anderer Menschen tätig, hinterlässt 3 Kinder (ca. 18-35) und ihren Mann.

- Esther!

Sabbat, 1.8.09

- Die „Seventh Day Adventist“-Anhänger gehen samstags, zum Sabbat, in die Kirche. Und wir mit! Vor der verwirrenden Predigt von Papa Mawela (Marthas Mann ist Pastor!) wird Sabbatunterricht gegeben: „Reannouncing the World“ (fragt mich jetzt nicht, wie ich das übersetzen soll, es ist weitaus komplizierter als es klingt, hab selber den Faden verloren, und das lag nicht an der Sprache!).

- Wir besuchen die Familie der Verstorbenen. Das Haus ist voll, man sitzt beisammen, erzählt Geschichten, betet.

beisammen sitzen und beten

- Um das Haus herum sind Zelte aufgestellt, in denen Frauen aus der Gemeinde Essen für alle kochen:

Essen zubereiten für 100e von Gästen

- Ich entfliehe der drückenden Stimmung im Haus und helfe beim Karottenschälen und Zwiebelschneiden im Zelt.

- Marthas erwachsene Kinder entführen uns mit 6 anderen zu einer Stadtrundfahrt: Mit Papa Mawelas Kleinbus gehts in die Innenstadt zum Union Building, wo die Regierung sitzt …

Union Building

Pretoria

… weiter nach Jo’burg (Johannesburg) zum Mandela-Haus, wo er kurz vor seiner Verhaftung lebte.

Mandela-Haus

- Außerdem fahren wir zum Vorort Soweto und die dort blutig beendeten Schülerunruhen von 1976, bei denen gegen Afrikaans als Lehrsprache gestreikt wurde:

Der Stein färbt sich durch das Wasser ständig rot - Ein Zeichen für das ganze junge Blut, das dort geflossen ist!

- Unterwegs entstehen interessante Gespräche mit Peter und Marcus u.a. über Apartheid vs. deutsche Ost-West-Teilung. Marcus Mashishi versucht mich zudem zu bekehren. Ich muss zugeben, er kam recht weit, hatte gute Argumente, über die ich schon seit meiner Ankunft grübele. Dennoch, bete weiter für mich, Marcus, du wirst es nicht leicht haben!

- Zurück bei der Familie: Die Familie des Onkels muss den Kuhkopf besichtigen. Es ist Tradition, zur Beerdigung ein Tier zu opfern, der Blutfluss steht als Zeichen für den Tod:

Kuhkopf

- Morgen werden die Männer der Trauergesellschaft den Kopf kochen und verzehren (das erinnert mich an isländischen Schafskopf!)

- Fahcina und ich versuchen abends im Bett die doppelreligiöse Welt zu verstehen: Viele Schwarze hier glauben sowohl an Gott als auch an ihre afrikanischen Traditionen. Dass sich die beiden Glaubensrichtungen dabei oft widersprechen merken nur wenige. Sehr verwirrend!

Sonntag, 2.8.09

- Beerdigung! 6:30 Uhr Abfahrt zur Familie der Verstorbenen. Früher wurde man vor Sonnenaufgang beerdigt, deswegen in Allerherrgottsfrühe!

- Abschiedszeremonie in Zelten auf dem Grundstück mit Reden, wie wir das auch so kennen, dazwischen immer wieder Gesang, am Ende Predigt von Papa Mawela.

- Der letzte Gang zum Friedhof. Ca. 300 Menschen folgen der Kolonne, unglaublich viele! Darunter ich, Fahcina darf nicht mit, weil sie heute eine Hose trägt, Frauen sind nur in Rock erlaubt! Auf dem Friedhof darf nicht gesprochen werden, außer man nimmt Abschied. Als der Sarg runtergelassen wird, übertönt Gesang das Weinen der Trauergemeinde, darunter meine Schluchzer. Das alles erinnert zu sehr an die Beisetzung meiner Mutter. Überhaupt scheinen Mutti und Pauline viel gemeinsam gehabt zu haben. Sie wurden von unglaublich vielen Menschen geschätzt, gleicher Jahrgang, gleicher Krebs …

- Männer schaufeln abwechselnd das Grab zu, komplett! Plötzlich: der jüngste Sohn verliert die Kontrolle über seinen Schmerz, will sich losreißen, das Zuschaufeln verhindern, 4 Männer müssen ihn festhalten, ihn beruhigen, eine Frau bricht unter Tränen zusammen.

- Die Familie markiert das Grab mit Porzellan und Besitzstücken der Mutter. Nur wenige können sich einen Grabstein leisten, deswegen die Markierung. Der Friedhof ist groß, hier liegen 100e Aidsopfer!

Friedhof

- In der Zwischenzeit wird im Haus der Tod weggekehrt und -geputzt. Alle Gäste, ALLE 300!, bekommen jetzt ihr Mittagessen, die Männer ihren Kuhkopf:

In der Hand das Kuhgehirn!

- Ich bekomme meinen 2. Heiratsantrag von … keine Ahnung!

- Fahrt zurück nach Hause.

… to be continued …

Mpumalanga

27. Juli 2009

Ich verabschiede mich in den „Norden“ …

Durch meine Dozentin in Berlin habe ich Kontakt zu einer Hilfsorganisation aufgenommen, die sich für HIV/Aids-Waisen einsetzt. Takathemba ist ein deutsches Projekt zur Unterstützung eines Heims, in dem (infizierte) Kinder nach dem Verlust ihrer kranken Eltern Hilfe bekommen. Mit Fahcina (USA) steige ich heute Mittag in den Grayhound-Bus, der uns über Jo’burg (Johannesburg) nach Nelspruit bringt, wo wir abgeholt und nach Bushbuckridge gebracht werden. Dort, bei einer lokalen Familie untergebracht, wartet das wirkliche Leben Südafrikas auf uns, entfernt der Metropole – wir werden im Heim aushelfen.

Die Provinz Mpumalanga grenzt an den Krüger Nationalpark, der wiederum die Grenze zu Mozambique bildet. Hoffentlich haben wir die Möglichkeit, auch mal in den Park reinzuschnuppern und die Tiere zu sehen. Leider ist die Gegend z.Z. auch wiederholt in den Nachrichten erwähnt worden aufgrund einiger xenophobischen Krawalle. Man hat uns aber erklärt, dass diese sich außerhalb unserer Gegend abspielen. Macht euch also bitte keine Sorgen!

Während Fahcina schon nach einer Woche zurückfliegt, nehme ich erst nach 2 Wochen den BazBus zurück. Durch Swasiland geht es an der gesamten Ostküste entlang, vorbei an Durban und Port Elizabeth zurück nach Kapstadt in ca. 4 Tagen. Ich bin total aufgeregt …

BazBus Route zurück

lg *anita*